Leben im Sonnenhaus (Folge 7): Ein unschlagbares Gefühl seit mehr als zwei Jahrzehnten

Sonnenhaus-Institut, Sebastian Schels

Christian Kerschl ist Ingenieur für Maschinenbau und hat sich mit seiner Familie im Jahr 2000 seinen Traum vom eigenen Sonnenhaus erfüllt. Nach gut einjähriger Bauzeit wurde das Eigenheim mit 170 Quadratmetern im niederbayerischen Deggendorf bezugsfertig. Schon vor 23 Jahren entstand hier ein Wohnhaus, dessen Heizbedarf zu 50% mit Solarenergie versorgt wird. Den Rest übernimmt ein Pelletofen mit dem klimaneutralen Brennstoff Holz. Bis heute läuft die Anlagentechnik stabil und ohne große Reparaturen.

Stabile Anlagentechnik ohne große Reparaturen

Auch ohne Wärmepumpe im Haus kann die Technik aus heutiger Sicht wegweisend gesehen werden, um die Wärme- und Energiewende in privaten Gebäuden zu gestalten.
Das Sonnenhaus-Institut e. V., dem Kerschl 2014 als Mitglied beitrat, demonstriert seit nunmehr 20 Jahren, wie man durch hybride Anlagen ein Maximum an solarer Energie für Wohnzwecke nutzt, ohne auf Komfort zu verzichten. Auf breiter Front durchsetzen konnte sich der Gedanke leider nicht, denn die Zusatzinvestitionen für so weitsichtige Konzepte wurden lange von denen belächelt, die sich auf günstiges Öl und Gas verlassen wollten.
Heute sieht das die Mehrheit anders, weshalb hier gezeigt werden soll, wie die seit mehr als zwei Jahrzehnten bewährte Anlage funktioniert und welche Besonderheiten es gibt.

Sehr gute Gebäudehülle in Holzständerbauweise

Das Haus mit einer Hülle in Holzständerbauweise ist durch insgesamt 34cm Dämmstärke bei Wänden und 41cm beim Dach sehr gut gedämmt. In Zusammenarbeit mit einer kontrollierten Wohnraumlüftung erfüllt das Gebäude nahezu Passivhausstandard. Mit 18 Quadratmetern Solarthermie gewinnt das Haus solare Wärme, um es in einen 4000 Liter Jenni Speicher einlagern zu können. Die Thermieanlage konnte übrigens vollständig auf dem benachbarten Carport montiert werden, so dass das Dach des Hauses frei bleiben konnte, wo mittlerweile zwei PV-Anlagen Platz fanden.

Auf einem Blick: Wärme (Solarthermie-Anlage aufgeständert auf dem Carport), Strom (zwei PV-Anlagen auf dem Süddach) und Mobilität (Elektrofahrzeug mit Ladestation), so lautet das Vereinsmotto des Sonnenhaus-Institut e.V., das Christian Kerschl zuhause äußerst nachhaltig umgesetzt hat. Foto: Sonnenhaus-Institut, Sebastian Schels

Je nach Länge und Intensität des Winters bewegt sich der Brennstoffverbrauch langjährig im Bereich zwischen 1,2 und 1,5 Tonnen Pellets. Mit Ausnahme der jüngsten Hochpreisphase, die sich momentan entspannt, lagen die Heizkosten damit in den vergangenen Jahren bei rund 300 bis 350 Euro im Jahr.

Mit 34 cm Dämmstärke bei den Außenwänden und kontrollierter Wohnraumlüftung liegt das EFH nahe am Passivhausstandard. Foto: Sonnenhaus-Institut, Sebastian Schels

In den Räumen mit Steinfußböden gibt es eine Fußboden-heizung. Mehrere Räume haben indes gar keine Heizung, da die Temperaturunterschiede durch die Lüftungsanlage weitgehend ausgeglichen werden.

Mehrere Räume brauchen keine Heizverteilung

Auch das Wohnzimmer hat keine Fußbodenheizung, denn hier befindet sich der Pelletofen (10 kW maximale Leistung), der je nach Komfortbedarf der Bewohner in Betrieb genommen wird. Sobald der Ofen brennt, werden über den integrierten Wasserwärmetauscher rund 70 Prozent dem Speicher zugeführt.

Hochgradige Selbstversorgung durch solare Energie

Die Solarthermie-Anlage mit 18 Quadratmetern Kollektorfläche fand komplett auf dem Carport Platz. Foto: Sonnenhaus-Institut, Sebastian Schels

Mit dem Vereinsmotto des Sonnenhaus-Institut „Wärme, Strom und Mobilität“ können sich die Kerschls voll identifizieren.

Nicht nur bei Heizwärme und Warmwasserbedarf hat das Haus einen hohen Grad an Selbstversorgung, sondern insbesondere bei der Elektrizität. Die erste Fotovoltaik-Anlage, die 2004 montiert wurde, war eine reine Einspeiseanlage mit 6,4 kwP Leistung. 2017 kam eine 14,2 kwP Anlage für den Eigenverbrauch hinzu, die von einem 10 kwh-Stromspeicher unterstützt wird. Eine absolut sinnvolle Investition, da im Haushalt immerhin vier Personen leben und es mittlerweile zwei Elektroautos gibt, mit denen jährlich 30.000 Kilometer gefahren werden.

Über 70% Strom für Haushalt und Mobilität sind selbstproduziert

Da er die Energieströme stets im Auge hat, weiß Kerschl, dass er im Jahresmittel mit dieser Anlage zwischen 72 und 75 Prozent des Eigenverbrauchs für Haushalt und E-Mobilität deckt. Ein stolzer Wert, der bei Nutzern, die durch ihr eigenes Verhalten weniger Aufmerksamkeit für die Optimierung an den Tag legen, vielleicht auch 5 bis 10 Prozent niedriger liegen würde.
Durch kleine Maßnahmen schafft Kerschl eben ein paar Prozent mehr. Ein Beispiel dafür ist, dass er an sonnigen Tagen auch mal in der Mittagspause das Auto zum Laden ansteckt und dabei gleich noch den Hausakku entleert, weil er abschätzen kann, dass der Batteriespeicher des Hauses bis abends trotzdem noch einmal voll wird.

Durchdachte Optimierung bei der Wohnraumlüftung

Bei den Antriebsmotoren für die kontrollierte Wohnraumlüftung handelt es sich zwar um sehr hochwertige und sparsame Modelle, mit nur 50 Watt Leistungsaufnahme. Da die Lüftungsanlage zu 80 % des Jahres 24 Stunden in Betrieb ist, kommt aber auch hier ein ansehnlicher Jahresbedarf zusammen, der indes weitgehend regenerativ gedeckt ist.
Ein durchdachtes Detail ist das 25 Meter lange Ansaugrohr der Lüftungsanlage, das Kerschl auf dem Grundstück 1,3 Meter tief im Erdreich verbaut hat. Das sorgt im Winter für eine wertvolle Vorwärmung der Frischluft, während sich damit im Sommer bei Bedarf ein Kühleffekt von rund 1-2 kW erzielen lässt.
In diesem Jahr läuft die EEG-Vereinbarung für die erste Photovoltaikanlage aus. Mit dem weiteren Anteil an Sonnenstrom wird Kerschl den Anteil der Autarkie bei Strom und Wärme noch weiter nach oben schieben. Was an Strom nicht mehr selbst verbraucht wird, kann dann auch per Heizstab als Wärme in den Pufferspeicher geführt oder im Sommer eben wieder ins Netz geschickt werden.

1000 Euro Energiekosten im Jahr für Wohnen und Mobilität

Kerschl und seine Familie sehen Energiepreissteigerungen gelassen entgegen, denn ihr Haus bietet weitgehende Unabhängigkeit von den Launen der Märkte. Mit Energiekosten von nur 1000 Euro jährlich für Heizung, Strom und Mobilität ist das verständlich.
„Ein unschlagbares Gefühl“, meint Kerschl, wenngleich er aus gesellschaftlicher Sicht sehr bedauert, dass sich wegen der Mehrkosten nicht mehr Bauherren in den vergangenen Jahrzehnten für das Konzept erwärmen konnten: „Bei hochpreisigen Einbauküchen, Marmorfußböden oder anderen Extras, fragten viele auch nie, ob sich das rechnet“.

 

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